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Musikalische Fähigkeiten

Verbesserung der musikalischen Fähigkeiten durch
Ausschöpfen des „Bewegungs-Potentials“

Möglichkeiten zur Weiterbildung haben Musiker genug - doch einige höchst wirksame Methoden zur Verbesserung der musikalischen Ausdrucksfähigkeit sind einfach und sehr direkt, aber viel zu unbekannt. Rolfing ist eine davon, und der Nutzen, den ein Musiker aus dieser Methode für sein Spiel ziehen kann, ist enorm.

Rolfing ist eine Methode, die das Bewegungs- und Haltungs-Potential eines Menschen fördert. Ich habe in meinem bisherigen Berufsleben höchsten eine handvoll Musiker getroffen, die ihr persönliches Bewegungs-Potential voll auszuschöpfen schienen. Alle anderen können von Rolfing sicher profitieren.

Doch was ist das: „Bewegungs-Potential“?

Dieser Ausdruck beschreibt für mich die Fähigkeit, eine Kombination von beliebigen Spielbewegungen flüssig, zielgenau und in jedem Tempo durchzuführen. Doch viele Menschen schöpfen ihre Fähigkeiten zur ökonomischen Bewegung nicht aus und sind sich dessen nicht bewusst. Sie haben ungenutztes Bewegungs-Potential. Jeder Musiker hat seine eigenen Grenzen: der eine kann Lagenwechsel in einem schnelleren Tempo nur schwer genau treffen, der nächste kann zwar den Lagenwechsel, aber nicht mehr die Strichstelle kontrollieren und der dritte kommt zwar an, verknüpft aber jeden Lagenwechsel mit einem schnelleren oder leichteren Bogenstrich. In jedem dieser Fälle kann die Qualität der Bewegung (und mit ihr die musikalische Ausdrucksfähigkeit) gesteigert werden. In mindestens 80 % der Fälle lässt sich mit Rolfing die Gesamtkoordination verbessern. Auf dieser Grundlage kann der Musiker allein oder mit Hilfe eines erfahrenen Pädagogen musikalische und technische Grenzen seines Spieles nach oben verschieben. Er steigert sein Bewegungs-Potential.

Wie dieser Verbesserungsprozess aussehen kann, verdeutlicht dieser Erfahrungsbericht eines ungeplanten Selbstversuches:

Die Füße brachten mich zum Verzweifeln. Schmerzen bei der Abrollbewegung verursachten eine allgemeine Verunsicherung: wie geht man eigentlich richtig? Da Rolfing eine den ganzen Körper betreffende Methode ist, die die Fähigkeit eines Jeden individuell fördert anstatt ihm ein einheitliches So-ist-es-richtig-Muster aufzuoktroyieren, hielt ich die Methode für geeignet, nachdem verschiedenes Anderes keinen Nutzen gebracht hatte. Meinen Füßen hat das Rolfing gut getan, es hat sich für sie, kurz gesagt, gelohnt. Für meine Gesamthaltung und Koordinationsfähigkeit hingegen war es bahnbrechend positiv - eine „Nebenwirkung“, die nicht geplant war, aber bis heute anhält und mein Musizieren noch immer weiterentwickelt.

Was hatte sich verändert?

Meine Gesamtstruktur einschließlich der Füße wurde so verändert, dass ich lernte, Gewicht an den Boden abzugeben. Anhand des Rolfing-Prozesses musste ich feststellen, dass ich vorher nicht gewusst hatte, wie man ausbalanciert steht. Das Rolfing offenbarte mir ein Potential für entspannte, aufrechte Körperhaltung und freie Bewegung, von dessen Existenz ich keine Ahnung hatte - und das als Geiger!

Durch den Rolfing-Prozess wurde meine Körperwahrnehmung derart verbessert, dass ich heute auch während des Spielens hinderliche Anspannungen bemerke. Und erst was man bemerkt, kann man ändern. Letztendlich führte diese Entwicklung dazu, dass ich die Schulterstütze, mit der ich das ganze Studium über gespielt hatte, entfernte, weil mir die Spannung im Schultergürtel hinderlich erschien. Durch diese Radikalkur zwang ich mich, meine Geigentechnik zu verändern, wobei ich allerdings wusste, was zu tun war, weil meine Professorin auch ohne Stütze spielt und die Grundlagen vermittelt hatte. Das Ergebnis: Die Befreiung des Schulter- und Nackenbereiches von ständiger Spannung ermöglichte mir die wirkliche Unabhängigkeit von linker und rechter Hand. Diesen technischen Durchbruch hätte ich gerne im Studium gehabt! Und das, obwohl ich ein guter Student mit einem sehr guten Studienabschluss war! Dieses Beispiel zeigt deutlich, dass Rolfing ein Potential befreit und ein hervorragender Katalysator zur kreativen Problembehebung ist.

Interessant finde ich im Nachhinein, dass man als Geiger zwar im allgemeinen weiß, dass ein guter Stand wichtig ist, aber die Tragweite für meine geigerischen Fähigkeiten erkannte ich erst durch das Rolfing. Obwohl ich durchaus mit einem guten Sinn für Bewegung ausgestattet bin, hätte ich meinen Stand nicht für verbesserungswürdig befunden (!). Dieses kann eindringlich all jenen gesagt werden, die meinen, ihnen könne diese Methode nichts Neues bringen. Ich bin der Meinung, dass jeder Musiker von einer Rolfing-Behandlungsserie profitiert.

Das Beispiel zeigt, dass im Hochschul-Studium ein Potential angelegt wurde, das wider besseren Wissens nicht ausgeschöpft werden konnte.
Durch das Rolfing wurde die Tür zu diesem Potential geöffnet.


Innere und äußere Balance / tonische + phasische Muskulatur





Wichtigstes Merkmal der Rolfing-Behandlung für den Musiker ist in meinen Augen, dass der Rolfer die Balance von Innen und Außen organisieren kann. Damit beeinflusst er den Grad der (muskulären) Anspannung, der beim Musizieren aufgebaut wird.

Das Innen bezeichnet hier vereinfacht die Haltemuskulatur, die tonische Muskulatur, die den ganzen Köper aufrecht hält. Das Außen hingegen ist hauptsächlich die phasische Muskulatur, die wir willentlich steuern können und die beim Musizieren traditionell im Mittelpunkt des Interesses steht. Für den Musikpädagogen, der seinen Schülern optimale geigentechnische Grundlagen oder Problemlösungen vermitteln möchte, ist die Kenntnis vom Zusammenspiel zwischen tonischer und phasischer Muskulatur sehr wichtig. Warum das so ist, soll ein kleines Beispiel veranschaulichen:

Unterrichtsthema: Dreiklänge auf einer Saite mit Lagenwechsel

Problem: der Bogenkontakt wird beim Lagenwechsel geringer und es wird unsauber

Analyse:

1. weiß der Student, wie ein Lagenwechsel geht, ohne mit der linken Schulter die Geige halten zu müssen? oder

2. verliert er die Übersicht „im Eifer des Gefechts“, oder

3. ist seine Grundhaltung so verspannt, dass eine getrennte Koordination von linker und rechter Hand unmöglich ist?



Lösungsansätze:

zu 1.: ich arbeite mit dem Studenten an einer neuen Bewegungsabfolge, d.h. ich richte mein Hauptaugenmerk auf seine willentlich steuerbaren Abläufe. Ich arbeite also hauptsächlich mit seiner phasischen Muskulatur.

zu 2.: ich arbeite mit dem Studenten an seiner Raumwahrnehmung und an seiner Eigenwahrnehmung während des Spielens. Manchmal genügen verbale Hinweise, manchmal helfen kleine Wahrnehmungsspiele. Ich arbeite in der Grauzone zwischen willentlich steuerbaren Abläufen und unwillkürlich ausgeführten Balance- und Aufrichtungsbewegungen. Ich arbeite gleichzeitig mit tonischer und phasischer Muskulatur.

zu 3.: Meine Erfahrung zeigt, dass eine hohe Grundspannung im Kiefer- und Hals- und Schulterbereich Muskeln „lahmlegt“ oder blockiert, die zum Bedienen des Instrumentes eigentlich unabkömmlich sind. Diese Sorte von Problemen sind bei Studenten am häufigsten und insgesamt hochkomplex. Verspannungen dieser Art können durch falsch gelernte Abläufe entstehen (siehe1.), durch Stress und Angst (siehe2.) oder durch eine nicht ausbalancierte Gesamtstatik. In diesem Fall muss die tonische Muskulatur gezielt beeinflusst werden. An diesem Punkt ist eine Zusammenarbeit mit Körpertherapeuten (z.B. Rolfer) unverzichtbar wichtig. Guter Instrumentalunterricht kann auch gezielt auf die Gesamthaltung einwirken, eine prinzipielle Neustrukturierung aber kann er nicht leisten.

Das Beispiel zeigt, dass der Musikpädagoge nur dann angemessen auf die Probleme des Studenten eingehen kann, wenn er eine Vorstellung davon hat, wo das Problem entsteht. Der Verbesserungsprozess kann auf sehr verschiedenen Ebenen stattfinden. Je prinzipieller aber das Problem ist, desto schwieriger ist es für den Lehrer, es allein durch den Instrumentalunterricht zu bewältigen.

Rolfing setzt genau an der Stelle an, an der der Musikpädagoge nur schwer weiterkommt. Rolfing kann die Balance der Körpersegmente aufeinander so verbessern, dass nur noch sehr wenig Spannung benötigt wird, um in der Schwerkraft aufrecht zu bleiben. Die tonische Muskulatur, d.h. die Muskelgruppen, die die aufrechte Haltung bewerkstelligen, wird aktiviert, sodass sich ausgleichende Anspannungen anderer Muskelgruppen (z.B. des Nackens) erübrigen. Rolfing löst Verklebungen des Bindegewebes und ermöglicht eine Beweglichkeit aller Körperteile zueinander, die für kleine Balancebewegungen unabkömmlich ist. Deswegen ist Rolfing für Musiker die Körpermethode, mit der sie am meisten für ihre Berufsausübung erreichen können.


Juliana Soproni